Pflegeeltern sein

Pflegeeltern übernehmen eine wichtige Aufgabe im Dienste der Gesellschaft. Sie brauchen viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um die besondere Situation der Pflegekinder zu verstehen.

Wenn Eltern das erste Kind bekommen, verändert sich ihr Leben grundsätzlich. Aus dem Paar wird eine Familie. Jedes weitere Kind verändert das Familienleben. Aus dem ersten Kind wird ein Bruder, eine Schwester mit all den Vor- und Nachteilen von Geschwisterbeziehungen. Das, was bisher für drei reichte, muss nun durch vier geteilt werden. Es gibt mehr Freude, es gibt mehr Sorgen.
Wenn eine Familie ein Pflegekind aufnimmt, ist die Situation ähnlich, aber noch etwas komplizierter. Es wäre falsch davon auszugehen, dass das Pflegekind einfach dazu kommt und alles wie bisher weiterläuft. Weil das Pflegekind nicht in die Pflegefamilie hinein geboren wurde und meist eine belastende Vorgeschichte hat, bringt es viel Unbekanntes und Fremdes mit in die Familie: neues Verhalten, neue Erfahrungen, eine fremde Verwandtschaft. Wenn schon eigene Kinder in der Familie sind, müssen diese Platz machen für das Pflegekind. Sie müssen aushalten, dass dieses Kind besondere Ansprüche an ihre Eltern stellt und dass ihre Eltern sich in besonderer Weise um dieses Kind bemühen.
Ein Pflegeverhältnis hat auch zur Folge, dass neue Personen, mit denen die Familie sonst kaum in Berührung gekommen wäre, plötzliche eine Rolle spielen: Sozialarbeiter(innen), Beiständinnen und Beistände, Fachleute. Pflegeeltern übernehmen eine öffentliche Aufgabe in ihrem privaten Raum. Dafür müssen sie bereit sein, sich nach aussen zu öffnen, flexibel, ansprechbar und veränderbar zu sein. Die Familie ist gefordert, eine neue Identität als Pflegefamilie zu entwickeln.

Paarbeziehung der Pflegeeltern
Die Aufnahme eines Pflegekindes bringt für die ganze Familie viel Unruhe und Unsicherheit mit sich. Es ist äusserst wichtig, dass sie die Entscheidung zum Pflegekind gemeinsam getroffen hat und die Eltern bereit sind, auf die Bedürfnis des Kindes einzugehen. Aufgrund ihrer meist belastenden Vorgeschichte und der schmerzhaften Trennung von ihrem bisherigen Zuhause braucht es dazu viel Geduld und grosses Einfühlungsvermögen. Um die Aufgabe als Pflegeeltern bewältigen zu können, braucht es vor allem eine tragfähige Beziehung zwischen den Lebenspartnern, damit Konflikte konstruktiv ausgetragen und Krisen gemeinsam überwunden werden können.
Pflegekinder haben oft chaotische Lebenssituationen und viele Verletzungen erlebt. Damit sie Sicherheit und Halt in der neuen Familie bekommen, brauchen sie vor allem vertraute, verlässliche und verfügbare Bezugspersonen. Als Pflegeeltern den Pflegekindern diese Chance zum Aufwachsen zu geben, ist eine erfüllende Aufgabe für die ganze Familie.

Eigene Kinder
Viele Pflegeeltern haben eigene Kinder. Auch für diese ist die Aufnahme eines Pflegekindes nicht einfach. Das Pflegekind bringt Verhaltensmuster mit, die bisher unbekannt waren oder von den Eltern abgelehnt wurden. Die Aufnahme eines Pflegekindes verändert Regeln, Normen und Gewohnheiten von allen Familienmitgliedern. Notwendigerweise muss sich die Pflegefamilie an den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Pflegekindes orientieren. Pflegekinder brauchen oft klare Grenzen und eine konsequente Haltung. Das kann die Pflegeeltern dazu bringen, den bisherigen Umgang mit Grenzen und Konsequenzen zu überdenken und vielleicht zu verändert. Natürlich wirkt sich dies auch auf die Kinder aus, die schon vor dem Pflegekind in der Familie gelebt haben. Somit müssen auch die eigenen Kinder entsprechend viel leisten, sich neu orientieren und einen neuen Platz in der Familie finden.
Erwägt eine Familie, ein Pflegekind aufzunehmen, ist es ganz wichtig, die eigenen Kinder in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen. Die eigenen Kinder haben das Recht, ihre Meinung zum Entscheid zu äussern. Sie müssen auch über alles informiert werden, damit sie eine Vorstellung davon haben, was auf sie zukommt und was es für sie bedeutet, wenn ein neues Geschwister aus einer anderen Familie, mit einer möglicherweise schwierigen Geschichte, zu ihnen kommt. Unter Umständen reicht es nicht, nur darüber zu sprechen: Pflegeeltern können zum Beispiel ein Kind während der Ferien aufnehmen, um ihren Kindern ein Erleben zu ermöglichen. So oder so müssen die eigenen Kinder mit der Aufnahme eines Pflegekindes einverstanden sein.
Auch wenn die eigenen Kinder einverstanden waren mit der Aufnahme eines Pflegekindes und sich auf das neue Geschwister gefreut haben, kann es sein, dass sie sich zurückgesetzt fühlen, wenn das Kind wirklich da ist. Sie sind möglicherweise eifersüchtig und geraten ausser sich: Alles dreht sich scheinbar nur noch um das Pflegekind. Pflegeeltern müssen sich bewusst sein, dass sie viel von ihren Kindern verlangen, wenn sie ein Pflegekind aufnehmen. Andererseits kann es für diese eine Bereicherung und eine wichtige Erfahrung sein, mit Pflegegeschwistern aufzuwachsen.
Damit das Zusammenleben von eigenen Kindern und Pflegekindern fruchtbar wird, dürfen Unterschiede zwischen ihnen bestehen bleiben. Es ist einfacher, wenn es klar ist, dass Pflegekinder und auch die eigenen ihre Besonderheiten und ihre Schwierigkeiten haben. Pflegeeltern müssen es auch aushalten können, dass sie zum Pflegekind nicht dieselbe Nähe und Vertrautheit empfinden wie zu den Kindern, die schon immer mit ihnen gelebt haben. Das ist natürlich, und das stellt keine Gefahr dar für das Pflegeverhältnis.
Für Pflegeeltern kann es manchmal auch schwer zu ertragen sein, dass sie dem eigenen Kind konfliktreichere Bedingungen zumuten. Sie bekommen deswegen vielleicht auch Schuldgefühle ihren eigenen Kindern gegenüber. Für die Beziehung zwischen den Pflegeeltern und ihren leiblichen Kindern sind daher Freiräume von grosser Bedeutung: Möglichkeiten, auch ohne die Pflegekinder gemeinsam etwas zu unternehmen. Die eigenen Kinder brauchen vielleicht die Gewissheit, dass sie auch weiterhin eine exklusive Beziehung mit Mutter und Vater haben dürfen.
Die eigenen Kinder von Pflegeeltern spielen eine wichtige Rolle für die Integration eines Pflegekindes in die Familie. Gerade Kinder mit seelischen Verletzungen und Entwicklungsrückständen können enorm viel lernen und grosse Fortschritte machen im alltäglichen Zusammenleben mit Kindern, die geborgen aufgewachsen sind. In allen Lebens- und Entwicklungsbereichen – vom Umgang mit Spielsachen bis hin zum Mithelfen im Haushalt – wirken sie als Vorbild. Natürlich ist es nicht Aufgabe der leiblichen Kinder die Pflegekinder zu erziehen. Für ihre Geduld, ihr selbstverständliches Mittragen, ihren Verzicht auf vieles und für das, was sie ständig leisten, sollten sie von ihren Eltern Anerkennung und Dank erhalten.

Familienplatzierungsorganisationen FPO

Pflegeeltern haben die Möglichkeit, in ganz unterschiedlichen Kontexten mit Pflegekindern zusammen zu leben. Ein grosser Teil der Pflegeeltern nimmt Pflegekinder aus dem sozialen Umfeld oder der eigenen Verwandtschaft auf, andere Pflegeeltern bekommen ein Pflegekind über einen Sozialdienst ihrer Wohngemeinde oder ihrer Region vermittelt und werden von Fachpersonen dieses Dienstes begleitet.

Und dann gibt es auch Pflegeeltern, die sich einer Familienplatzierungsorganisation anschliessen und sich von dieser Organisation als Pflegeeltern anstellen und begleiten lasssen. Die Vielfalt an Organisationen ist gross. Je nach Organisation gelten andere Schwerpunkte. Wir empfehlen Personen, die Pflegeltern werden möchten, sich über die verschiedenen Rahmenbedingungen genau zu informieren und sich dann ihren Bedürfnissen entsprechend zu entscheiden, ob und mit wem sie den Weg als Pflegeeltern gehen möchten.

Wenn Sie Fragen rund um Familienplatzierungsorganisationen haben, können sie sich an den Fachverband Integras, Kompetenzzentrum FPO, wenden: Kontakt.

Pflegeeltern aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis
Mehr als die Hälfte der Pflegeverhältnisse entsteht in der Verwandtschaft oder im nahen sozialen Umfeld der Familie. Solche Pflegeverhältnisse entstehen oft nicht aus dem bewussten Entscheid „Wir möchten ein Pflegekind aufnehmen“, sondern meistens aus einer Notsituation im familiären Umfeld. Liebe zum verwandten Kind, Verpflichtungsgefühl, Erwartungen des Familienverbandes oder die Überzeugung einem Kind helfen zu wollen, spielen vielleicht eine Rolle. Mit den Herkunftseltern verwandte oder befreundete Pflegeeltern sind zusätzlich mit anderen Situationen konfrontiert. In dem Moment, in dem Verwandte ihren Enkel, ihre Nichte oder ihren Neffen zu sich nehmen, verändert sich zum Beispiel das Verhältnis zum Kind. Sie sind jetzt nicht mehr die geliebte Omi oder die Lieblingstante, sondern jemand, der Forderungen stellen muß, Konflikte mit dem Kind austragen muß und alles das machen muß, was sonst Eltern machen. Die schon vorhandene Vertrautheit kann dabei sehr hilfreich sein, aber auch zusätzliche Konflikte mit sich bringen.
Die Pflegekinder-Aktion Schweiz hat den «Kleinen Ratgeber für Verwandtenpflegeeltern – und solche, die es werden wollen» von Jürgen Blandow für die Schweiz angepasst. Dieser ist im Juni 2016 neu erschienen. 

Bestellen Sie den Ratgeber für Verwandtenpflegeeltern zum Preis von: CHF 10.--, Rabatte ab 10 Stück: CHF 7 und ab 20 Stück: CHF 5

unter: info@pflegekinder.ch

 

 

 

Gleichgeschlechtliche Pflegeeltern

Um den verschiedenen Bedürfnissen von Kindern in schwierigen Lebenssituationen gerecht zu werden, braucht es ein möglichst grosses Spektrum an unterschiedlichen Pflegebeziehungen. In der Praxis zeichnet sich eine Vielfalt pflegefamilialer Formen ab. Diversität kennzeichnet die Pflegekinderhilfe und ist zukunftsweisend.
Die eidgenössische Pflegekinder-Verordnung besagt, dass grundsätzlich alle erwachsenen Personen Kinder in Pflege aufnehmen können. Auch gleichgeschlechtliche Paare können eine Bewilligung für die Betreuung von Pflegekindern bekommen. Sie sind sind dazu ebenso geeignet wie andere Paare. Es kommt darauf an, den Pflegekindern ein bestimmtes Umfeld zu bieten, das ihrer individuellen Situation und ihren Bedürfnissen gerecht wird. Um dies zu gewährleisten, müssen die Motivation und die Möglichkeiten von zukünftigen Pflegeeltern abgeklärt werden. Das heisst, die neue Familie muss für das Kind passen und in der Lage sein, seine Entwicklung zu fördern. Dabei sind viele Faktoren zu berücksichtigen, beispielsweise der Umgang mit belastenden Situationen, das soziale Netzwerk und die Bereitschaft, Hilfe anzufordern. Ausserdem ist es wichtig, dass auch die Herkunftseltern sich vorstellen können, ihr Kind bei einem gleichgeschlechtlichen Paar zu platzieren. Sonst werden Besuchskontakte erschwert, und es können Konflikte entstehen.

Der Dachverbands Regenbogenfamilien gibt Auskunft zu allen Fragen rund ums Thema Regenbogenfamilien: www.regenbogenfamilien.ch

 

Verwandtschaftliche Pflegeverhältnisse müssen nicht gratis sein

Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich hat einen bemerkenswerten Entscheid des Bezirksrates Winterthur bestätigt und so zu den finanziellen Ansprüchen von Pflegeeltern, die mit dem Pflegekinder verwandt sind, Klarheit geschaffen.

Es geht um drei Aspekte:

• Die Pflegeeltern haben auf jeden Fall Anspruch auf die Pauschalen entsprechend den Pflegegeld-Richtlinien für Nebenkosten und Bekleidung sowie den Ersatz ihrer Aufwendungen für Versicherungsprämien, Gesundheitspflege, Ausbildung, Freizeit und Taschengeld.

• Die Vermutung der Unentgeltlichkeit nach Art. 294 Abs. 2 ZGB fällt dahin, sobald die Pflegeeltern erklären, das Pflegeverhältnis sei nicht unentgeltlich und eine Entschädigung beanspruchen.

Ab diesem Zeitpunkt werden die Pauschalen für Unterkunft, Ernährung und die Entschädigung für die Betreuung entsprechend den Pflegegeld-Richtlinien fällig.

• Bei verspäteter Einreichung des Gesuchs an die Kindesschutzbehörde hat diese die gesamten Umstände zu prüfen und darf nicht nur die zu späte Einreichung für ihren Entscheid heranziehen.

Diese Klärungen gelten wohl gesamtschweizerisch, da der Entscheid auf Bundesrecht basiert. Dieses Verfahren dauerte mehrere Jahre. Adrian Meyer-Stehli und Gabriela Stehli Meyer, Pflegeeltern und Grosseltern strengten dieses Urteil an, Peter Grossniklaus, Präsident von Kinderanwaltschaft Schweiz unterstützte sie dabei. RA Stefan Blum von Mensch&Organisation m&o in Winterthur war ihr Rechtsvertreter.

Das Vollständige Urteil finden Sie in der Zeitschrift für Kindes- und Erwachsenenschutz ZKE 1/2012 veröffentlicht.

http://pflegekinder.ch/Dokumente/Pflegegeld-Grosseltern.pdf

Überraschungen inklusive

Was man mit Pflegekindern alles erleben kann

Regina Groot Bramel, Klaus Münstermann Verlag 2012

Die Autorin, selber Pflegemutter, berichtet von ihren vielfältigen Erfahrungen in der Pflegefamilie, von glücklichen Moment und anstrengenden Phasen im Alltag mit Pflegekindern.

 

PACH Pflege- und Adoptivkinder Schweiz
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