Pflegeverhältnisse begleiten

Fachpersonen im Pflegekinderbereich haben verschiedene Möglichkeiten, um Ressourcen von Pflegefamilien zu stärken. Die folgenden Empfehlungen basieren auf empirischen Untersuchungen. Sie zielen auf mehr Kontinuität in der Biografie von Pflegekindern, um zusätzliches Leid und weitere Ohnmachtserfahrungen möglichst zu verhindern.

Unterschiedliche Pflegefamilien können vielfältige Anforderungen bewältigen. Die Ansprüche an die Begleitung von Pflegefamilien sind gestiegen. Fachpersonen müssen die Indikation genau abklären, die Passung zwischen dem Pflegekind, den Pflegeeltern und anderen Beteiligten herstellen sowie eine rechtzeitige fachliche Vernetzung ermöglichen, damit unterschiedliche Pflegebeziehungen im Miteinander wachsen können. 
Die prozess- und kontinuitätsorientierte Begleitung von Pflegebeziehungen kennzeichnet sich durch fachlich-reflexive Elemente aus. Das sind wiederkehrende Standortbestimmungen, die die Fachperson gemeinsam mit den Beteiligten vornimmt. Daneben gibt es einen selbstreflexiven Prozess, bei dem die Fachperson innehält und versucht, die Situation besser zu verstehen. Dies trägt zur Legitimation von fachlichen Entscheidungen bei.

Fachlich-reflexiver Begleitprozess

(1) Indikationsfrage klären

Die Frage der Indikation basiert auf der Situation, die vielleicht eine Platzierung erfordert oder in der Mehrheit der Fälle bereits erfordert hat, wenn eine bestimmte Fachperson einbezogen wird. Da Kinder und Jugendliche oft schon in einer Pflegefamilie sind, besteht die Gefahr, der Indikationsfrage zu wenig Gewicht zu geben. Bei der Abklärung der Ist-Situation werden die Defizite in Beziehungen und die Ressourcen erfragt. Erfasst werden erfahrene Verletzungen, die psychisch-biografische und physische Vulnerabilität des Pflegekindes und das soziale Verhalten und Erleben. Im Zentrum stehen die daraus resultierenden Bedürfnisse des Pflegekindes.
Eine exakte Analyse klärt, ob die Platzierung definitiv angezeigt ist. Sie ist es, wenn eine akute Kindeswohlgefährdung vorliegt und die Möglichkeiten ambulanter familienbegleitender Massnahmen voll ausgeschöpft wurden. Die Abklärung muss zeigen, ob den Bedürfnissen des Kindes innerhalb einer Pflegefamilie gerecht werden kann. Vielfältige Probleme und kindliche Schwierigkeiten sind dabei nicht Ausschlusskriterien für eine Pflegefamilienplatzierung, aber es braucht geeignete Pflegefamilienformen und eine «kommunikative Passung».

(2) Passung kommunikativ optimieren

Pflegeeltern müssen umfassend und transparent über die Situation des Pflegekindes und seine Bedürfnisse informiert werden. Wie die Beteiligten die Situation wahrnehmen und was die Perspektiven der Platzierung sind, muss besprochen werden. Die Bedürfnisse der Pflegekinder, ihrer leiblichen Mütter, (Stief-)Väter, (Stief-)Geschwister und Verwandten, die Anliegen von Pflegemüttern, -vätern und deren Kindern können sehr unterschiedlich sein. Eine Klärung dieser Erwartungen ist unabdingbar. Die Analyse erlaubt, den für den Einzelfall spezifischen Auftrag der Fachperson zu definieren.
Im Vordergrund steht die Passung von dem, was das Pflegekind braucht und die Pflegefamilie bieten kann. Es handelt sich nicht um eine strukturelle Passung. Es gibt kaum objektive Faktoren, die eine Passung bestimmen. Es ist schön, wenn Pflegeeltern einen Garten haben oder dem Pflegekind ein eigenes Zimmer zur Verfügung steht. Manchmal ist es sinnvoll, wenn das Pflegekind die Geschwisterreihenfolge nicht stört. Das sind aber nur Faustregeln, die im Einzelfall nicht immer gültig sind. Daher ist eine kommunikative Passung notwendig. Über die Anliegen und die Bedürfnisse zu reden, gewährleistet die Passung zu optimieren.

(3) Individuelle Pflegeformen planen

Es braucht Zeit, um die Situation zu analysieren und Entscheide angemessen zu begleiten. Wenn nicht schwere Misshandlungs- und Missbrauchstraumata vorliegen, könnte man Zeit  gewinnen, indem man Pflegeverhältnisse zunächst als Wochenpflege einrichtet. Bei einer Wochenpflege ist eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie wahrscheinlich. Die Dauerpflege ist dafür oft nicht geeignet. Ansatzpunkte sind in der Zieldefinition und in der Massnahmenplanung zu suchen. Es müssen individuelle Pflegefamilienformen gestaltet werden.
Die Chance von individuellen Pflegefamilienformen liegt nicht allein darin, dass Pflegekinder zum Beispiel an fünf Tagen der Woche in der Pflegefamilie sind und die Wochenenden begleitet in der Herkunftsfamilie verbringen. Solche Vereinbarungen enthalten: transparente Perspektivenklärungen über Rückkehr oder Verbleib, kürzere Dauer der Pflegeverhältnisse, aktualisierte Zielsetzungen, aktive Hilfeplanung. Ein Aufbau von elterlichen Kompetenzen ist dabei möglich. Die Herkunftsfamilien werden verbindlich aufgefordert, Hilfsangebote zu nutzen. Solche Pflegeformen tragen gleichzeitig dazu bei, dass sich eine auf Dauer angelegte Pflegebeziehung schneller etablieren kann, wenn sie angezeigt ist, weil die Herkunftsfamilie nicht genügend Ressourcen mobilisieren kann.

(4) Beratung «bei Bedarf» institutionalisieren

Solange die Schwierigkeiten «der normalen gelegentlichen Verunsicherung, die man mit Kindern hat», entsprechen, brauchen Pflegeeltern keine spezielle Ausbildung oder Beratung, sondern eine Fachperson, die stets zur Verfügung steht. Pflegeeltern handeln meistens pragmatisch optimistisch, wenn Probleme auftauchen. Aber sie sind nicht unbeschränkt belastbar. Es gibt Situationen, in denen sie fachliche Hilfe brauchen. Damit diese nicht zu spät einsetzt, sollte die Zusammenarbeit von Fachperson und Pflegefamilie funktionieren, bevor ein Notfall eintritt. Ein regelmässiger Austausch zwischen den Sozialarbeitenden und den Pflegeltern ist wichtig. Dabei sollten die  Pflegeeltern als Experten für die Anliegen ihrer Pflegekinder wahrgenommen werden, denn das stärkt das gegenseitige Vertrauen. Ein solches Vorgehen hilft Pflegeeltern, ihr Handeln zu reflektieren, Belastungsgrenzen zu definieren und die begleitende Person und ihre Reaktionen kennenzulernen. Pflegeeltern brauchen spezifisches Fachwissen zu ihren aktuellen Sorgen und sie benötigen Beratung für ihre besondere Situation. Zudem ist «Hilfe zur Selbsthilfe» angezeigt, bevor Interventionen von aussen durchgeführt werden.

Selbstreflexiver Begleitprozesss

(1) Prozess- und Ressourcenwissen aktualisieren

Die Begleiterin oder der Begleiter braucht detailliertes Wissen zur rechtlichen Lage, zur Vulnerabilität von Pflegekindern und ihren Entwicklungsbedürfnissen, zu häufigen Problemkonstellationen und zu passenden Interventionen, aber auch zu den möglichen Erwartungen und Emotionen aller Beteiligten. Sie oder er benötigt einen Erfahrungsvorsprung und fundiertes Wissen über Prozessverläufe und die Kompetenz insystemischer und ressourcenorientierter Beratung. Wenn die Begleitperson vorhandene Ressourcen erkennt, kommuniziert und koordiniert, fördert sie «Pflegekindzufriedenheit» und dadurch die soziale, emotionale, kognitive und handlungsbezogene Entwicklung der Pflegekinder.
Da die Fachperson mit Anliegen verschiedener Parteien konfrontiert wird, sollte sie wiederholt prüfen, welche und wessen Interessen sie vertritt, und wer die Interessen des Pflegekindes vertritt. Die Fachperson und die Beteiligten beeinflussen sich gegenseitig; darüber muss sie nachdenken. Entscheidend für den Erfolg eines Pflegeverhältnisses ist oft die begleitende Person - sie vermittelt und öffnet die Ressourcen, und sie ist für Abbrüche von Pflegebeziehungen zuständig, die unter Umständen zu vermeiden wären.

(2) Normative Überzeugungen reflektieren

Die Fachperson muss sich mit normativen Überzeugungen auseinandersetzen, vor allem mit den eigenen Familienbildern sowie expliziten und impliziten Familienideologien. Die Begleitung soll auf einem reflektierten Familien- und Pflegefamilienverständnis basieren, um die Transparenz gegenüber den Beteiligten zu erhöhen. Unterschiedliche (Pflege-)Familienbilder und Wertorientierungen zwischen Pflegeeltern, Herkunftseltern und Fachpersonen sind entscheidende Faktoren im Begleitprozess. Offenheit gegenüber unterschiedlichen Familien- und Pflegefamilienformen ist notwendig. Dennoch sind nicht alle in der Lage, förderliche Eltern für ihre Kinder zu sein. Ein ressourcenorientierter Standpunkt der Fachperson erlaubt, sich bei der Begleitung weniger von eigenen Idealvorstellungen, sondern mehr von den Ressourcen leiten zu lassen, die zur Verfügung stehen.

(3) Geteilte Verantwortung wahrnehmen

Oft sind die Einschätzungen zur Verhältnismässigkeit einer einzelnen Fachperson entscheidend. Kinder in Pflegefamilien sollten aber nicht vom Urteil einer einzelnen Person abhängig sein, denn die fachlichen Entscheide sind mit Risiken behaftet und verändern das Leben der Kinder nachhaltig. Auch die Pflegefamilien sind mit viel Verantwortung belastet. Daher ist es sinnvoll, frühzeitig «Helfer- oder Netzwerkkonferenzen» zu planen, an denen unterschiedliche Personen, die das Kind kennen, helfen, die geeignete Lösung zu finden. Ein solches Vorgehen nimmt ein Stück der Verantwortung von der Pflegefamilie oder einer einzelnen Fachperson und verteilt diese. Gleichzeitig können Zuständigkeiten festgelegt werden. Die Strukturen der Zusammenarbeit zwischen den Fachstellen und den Entscheidungsträgern (Behörden) und die Entscheidungskompetenzen müssen benannt werden. Die Koordination von Entscheidungen zwischen allen Beteiligten bedarf der wiederholten Aufmerksamkeit.

(4) Veränderungen ermöglichen

Umplatzierungen von Pflegekindern mit anspruchsvollen Verhaltensproblemen müssen vermehrt verhindert werden. Statt aufzugeben, müssen Veränderungen angestrebt werden. Das Tempo, mit dem in schwierigen Situationen agiert wird, muss gedrosselt werden. Um Umplatzierungen zu vermeiden, kann bei der Klärung der Indikationsfrage angesetzt werden. Ebenso müssen Veränderungen in der Pflegefamilie ermöglicht werden. Ihnen müssen alle möglichen Massnahmen zur Hilfe angeboten werden, und sie müssen über ihre Entscheidungsmöglichkeiten und Rechte aufgeklärt werden. Es wäre nicht fair und für die Entwicklung der Pflegekinder ungünstig, Pflegefamilien in diesen Punkten anders zu behandeln als andere Familien.
Sind Umplatzierungen unumgänglich, müssen professionelle Lösungen zusammen mit den Pflegeeltern und -kindern gestaltet werden. Dabei müssen neue Risiken kalkuliert werden. Den Pflegekindern, die umplatziert werden, fehlen oft tragfähige Beziehungen. Es ist wichtig, dass ihnen die Pflegeeltern als Bezugspersonen zur Verfügung stehen, unabhängig davon, ob die Pflegekinder derzeit diese Ressource nutzen können oder ob sie in Form eines Angebotes bestehen bleibt. Die Fachpersonen müssen daher die Pflegefamilien begleiten, auch wenn ihr Pflegekind nicht mehr bei ihnen lebt. Beispiele belegen, dass diese Pflegekinder manchmal den Weg zurück in ihre Pflegefamilie finden.

Ressourcen von Pflegefamilien stärken

Eine prozess- und kontinuitäts-orientierte Begleitung von Pflege-beziehungen trägt zum Gelingen von Pflegeverhältnissen bei.

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